Unsere bisherigen Konzerte

(in absteigender Reihenfolge) 

Weitere Bilder aus den Konzerten finden Sie unter "Impressionen"

Klavierabend

Gaabriel Miltschitzky, Klavier

Freitag 6.3.2026 Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth, Ottobeuren

Programm:
Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975):
Präludium und Fuge Nr. 1 in C-Dur
aus: 24 Präludien und Fugen op. 87 (1950 – 51)

Lili Boulanger (1893 – 1918):
Thème et variations c-Moll (1914)

Claude Debussy (1862 – 1918):
Nr. 4 Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir: Modéré
(Die Klänge und die Düfte drehen sich in der Abendluft)
Nr. 1 Danseuses de Delphes: Lent et grave (Tänzerinnen von Delphi)
aus: 24 Préludes pour piano, premier livre (1909 – 1913)

Sergei Prokofjew (1891 – 1953):
Toccata d-Moll op. 11 (1912)

Béla Bartók (1881 – 1945):
Allegro barbaro Sz. 49 (1911)

Maurice Ravel (1875 – 1937):
Miroirs (1905)
Noctuelles (Nachtfalter),
Oiseaux tristes (Traurige Vögel),
Une barque sur l’océan (Eine Barke auf dem Ozean),
Alborada del gracioso (Morgenlied des Narren)
La vallée des cloches (Das Tal der Glocken).

Die Komponisten und ihre Werke

Dimitri Schostakowitsch (1906 -1975) gehört zu den wichtigsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Nachdem ihm mit seiner 1. Sinfonie bereits mit 25 Jahren weltweite Anerkennung zuteil wurde, konnte er aufgrund der Unterdrückung in der Stalin – Ära erst ab 1953 trotz seiner kritischen Distanz zum Sowjetregime auch wegen seiner Erfolge im Ausland weitgehend unbehelligt kompo-nieren. Die „24 Präludien und Fugen“ entstanden in den Jahren 1950/51 im Zusammenhang mit seinem Besuch des Leipziger Bachfestes zum zweihundertsten Todestag des Thomaskantors als Mitglied der sowjetischen Delegation. Dabei bezog er sich direkt auf das ebenfalls aus 24 Präludien und Fugen bestehende „Wohltemperierte Klavier“ von J.S.Bach.
Lili Boulanger (1893- 1918) war die Tochter eines Komponisten und Gesangslehrers und einer Sängerin. Mit neunzehn Jahren gewann sie als Studentin am Pariser Konservatorium als erste Frau den „Prix de Rome“, mit dem zuvor u.a. Georges Bizet und Claude Debussy ausgezeichnet worden waren. Während des Ersten Weltkriegs gründete sie einen Verein zur Unterstützung von zum Kriegsdienst eingezogenen Studenten des Pariser Konservatoriums,was ihre ohnehin durch ein seit ihrem zweiten Lebensjahr bestehendes Lungenleiden geschwächte Gesundheit zusätzlich belastete und zu ihrem frühen Tod mit nur 24 Jahren führte.
Claude Debussy (1862-1918) war neben der fran-zösischen Musik seiner Zeit auch von Chopin und Wagner beeinflusst, löst sich dann zunehmend vom Ideenkunstwerk der deutschen Romantik und entwickelte, von Dichtern und Malern des fran-zösischen Impressionismus beeinflusst, wo Licht und Schatten sowie das Spiel mit Farben eine zentrale Rolle spielten, unter Einbeziehung von Pentatonik , Kirchen – und Ganztonleitern und unaufgelösten Dissonanzen als Farben eine neue, eigene Tonsprache.
Sergei Prokofjew (1891-1953) wurde bereits mit vierzehn Jahren am Konservatorium in St. Petersburg immatrikuliert, wo u.a. Nikolai Rimsky – Korsakow sein Lehrer wurde. Nachdem er sich als Pianist in Russland einen Namen gemacht hatte, emigrierte er nach der Oktoberrevolution 1918 in die USA, ließ sich 1920 in Frankreich nieder und kehrte 1936 in die Sowjetunion zurück. Prokofjew selbst ordnete die heute zu hörende „Toccata“ aus dem Jahr 1912 seiner „motorischen Linie“ zu, indem hier eine melodische Komponente aufgrund der Dominanz des Rhythmus nahezu komplett fehlt. Das Werk steht damit nicht nur zeitlich in unmittelbarem Zusammenhang mit dem 1912 entstandenen „Allegro barbaro“ des ungarischen Komponisten Bela Bartok (1881-1945), der ebenfalls früh als Pianist Karriere machte und als Komponist Elemente der bäuerlichen Folklore, die er bis zu seiner Emigration in die USA im Jahr 1940 auf zahlreichen Forschungsreisen gesammelt hatte, in seine Werke einbezog. Im „Allegro barbaro“ wird das Klavier gewissermaßen als Schlagzeug verwendet, wobei der pulsierende Rhythmus mit rudimentären Melodien ungarischer Bauernmusik durchsetzt ist, bis im Mittelteil eine kontrastierende gesangliche Linie erscheint, die am Schluss wieder durch den hämmernden Rhythmus abgelöst wird.
Maurice Ravel (1875-1937), neben Debussy der zweite herausragende Vertreter des französischen Impressionismus, wandte sich erst der Komposition zu, nachdem sich sein Ziel einer Pianistenlaufbahn aufgrund mangelnden Talents durch das wiederholte Nichtbestehen der Zwischenprüfung am Pariser Konservatorium zerschlagen hatte. Durch seinen Kompositionslehrer Gabriel Fauré wurde er in die Pariser Gesellschaft eingeführt, wo sein bisweilen extravagantes, provozierendes Auftreten selbst seine Freunde irritierte. Die heute zu hörenden „Miroirs“ („Spiegelbilder“) sind einer Gruppe von Musikern, Malern und Schriftstellern gewidmet, die sich selbst als „Les Apaches“ bezeichnete und um die Jahrhundertwende als „Stadtindianer“ durch das nächtliche Paris zog.
Georg Piel, Februar 2026

Gabriel Miltschitzky erhielt mit 5 Jahren bei seiner Mutter den ersten Klavierunterricht. Sein Debüt gab er mit sieben Jahren bei einem Konzert in der Schlossberghalle Starnberg mit Übertragung des Bayerischen Rundfunks.
Nach dem Abitur studierte er in Regensburg Bachelor Klavierpädagogik in der Klavierklasse von Prof. Michael Seewann und parallel Schulmusik für Gymnasium. Nach bestandenem Staatsexamen folgte ein Masterstudium bei Prof. Sergejs Osokins in Riga und Prof. Michael Seewann in Regensburg, welches er im Juli 2022 mit Auszeichnung abschloss.
Weitere künstlerische Impulse erhielt er durch Meisterkurse und privaten Unterricht bei Prof. Dr. Thomas Menrath, Prof. Gilead Mishory, Ana-Marija Markovina, Prof. Konrad Elser und Prof. Bianca Bodalia.
Neben zahlreichen Auftritten im Inland führten ihn weitere Konzerte unter anderem nach Italien, Niederlande und Lettland.
Gabriel Miltschitzky unterrichtete von Oktober 2014 bis März 2018 als Tutor Gehörbildung an der Universität Regensburg. Von Oktober 2017 bis Juli 2023 hatte er insgesamt sieben Semester lang Lehraufträge für Klavier an der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg inne. Seit dem ersten Februar 2023 ist er als Klavierpädagoge an der Sing- und Musikschule Kempten, sowie am Carl-von-Linde Gymnasium Kempten tätig.
Gabriel Miltschitzky gibt regelmäßig Meisterkurse für Studierende der Konservatorien Luxemburg Stadt und Esch-sur-Alzette (L). Daneben hält er auch Vorträge und Weiterbildungen im Bereich Improvisation im Klavierunterricht. So führte er gemeinsam mit Prof. Seewann Workshops zum Thema „Improvisation im Klavierunterricht“ für Klavierpädagoginnen und –pädagogen an den Musikschulen Kempten und München durch. Beim Kongress der European Piano Teachers Association (EPTA) 2023 in Regensburg hielt er einen Vortrag zur Stilgebundenen Improvisation, der in der EPTA-Dokumentation 2023/24 „Tradition und Erneuerung in der Klavierpädagogik“ publiziert wird.

In seiner Heimat, dem Unterallgäu, setzt sich Gabriel Miltschitzky für die Förderung zeitgenössischer klassischer Musik ein. Seit 2024 ist er Mitglied im Verein „Musik Hier und Jetzt e.V.“ und bekleidet hier das Amt des zweiten Vorsitzenden.

Duoabend Horn/Klavier

Matthias Krön, Horn
Brigitte Helbig, Klavier

Freitag 6.2.2026 Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth, Ottobeuren

Programm:
Paul Hindemith (1895 – 1963):
Sonate für Althorn (Waldhorn) und Klavier
(1943)

Birke Bertelsmeier (geb. 1981):
wohltemperiert
(2022, Klavier solo)

Malcom Arnold (1921 – 2006):
Fantasy for Horn, Op. 88
(1966, Horn solo)

Bernhard Krol (1920 – 2013):
Laudatio
(1966, Horn solo)

Sofia Gubaidulina (1931 – 2025)::
Chaconne
(1962, Klavier solo)

Paul Hindemith 
Sonate für Horn und Klavier
(1939)




Die Komponisten

Paul Hindemith wurde 1895 in Hanau geboren und starb 1963 in Frankfurt am Main. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schockierte er das Publikum mit neuartigen Klängen und bezog in seine Werke auch Elemente des Jazz mit ein, was ihm den Ruf eines „Bürgerschrecks“ einbrachte. Wegen des Aufführungs-verbotes durch die Nationalsozialisten emigrierte er 1938 in die Schweiz und 1940 in die USA. Kompositorisch wandte er sich in dieser Zeit zunehmend den traditionellen Formen zu, die er mit einer freien, eigenen Tonalität verband, was er später in seinem Lehrwerk „Unterweisung im Tonsatz“ theoretisch untermauerte. Dabei grenzte er sich deutlich vom romantischen „Genie“ ab, indem er das Handwerkliche beim Komponieren in den Vordergrund stellte, wobei auch seine reiche Erfahrung als Geiger bzw. Bratscher sowohl im Orchester als auch in der Kammermusik sowie seine Tätigkeit als Dirigent zum Tragen kam.
Brike Bertelsmeier (geboren 1982) studierte zunächst Klavier und anschließend Komposition bei Wofgang Rihm in Karlsruhe. Daneben schloss sie auch ein Studium der Musikwissenschaft mit dem Master ab. Ihre Werke werden auf internationalen Festivals von bedeutenden Ensembles (Adritti Quartett, Ensemble Modern, Bamberger Symphoniker u.a.) aufgeführt. Bei dem heute zu hörenden „wohltemperiert“ handelt es sich um einen Kompositionsauftrag von Brigitte Helbig aus dem Jahr 2022.
Der englische Komponist Malcolm Arnold (1922 – 2006) studierte zunächst Komposition und Trompete am Royal College of Music in London. Anschließend war als er Trompeter im London Philharmonic Orchestra und beim BBC Symphony Orchestra engagiert, bevor er sich ausschließlich der Komposition widmete. In seinem tonalen Musikstil sah er sein Vorbild u.a. bei Hector Berlioz. Von Kritikern wurde er verschiedentlich auch mit Jean Sibelius verglichen. Neben seinen neun Sinfonien, die als seine wichtigsten Werke gelten, schrieb er u.a. auch Filmmusiken für 132 Filme. Für die Musik zu „Die Brücke am Kwai“ (1958) wurde er mit einem „Oscar“ ausgezeichnet.
Bernhard Krol (1920 – 2013) war nach seinen Studien in Berlin und Wien (Waldhorn und Komposition) zunächst Hornist im Orchester der Berliner Staatsoper und bei den Berliner Philharmonikern sowie später beim Radiosinfonieorchester Stuttgart. Obwohl er in Wien bei Josef Rufer, einem Schüler von Arnold Schönberg und Alban Berg, Kompositionsunterricht hatte und damit mit der damals verbreiteten Zwölftontechnik unmittelbar in Berührung kam, stehen seine Werke in der spätromantischen Tradition von Max Reger und auch einer neuen Tonalität verpflichteten Paul Hindemith. Krol hat einen Großteil seines Schaffens der Kirchenmusik gewidmet und dabei zahlreiche Werke für Bläser in unterschiedlicher Besetzung geschrieben.
Sofia Gubaidulina wurde 1931 in Tschistopol (Russland) geboren und starb 2025 in Appen bei Pinneberg (Schleswig – Holstein). Nachdem ihre Werke zeitweise in Russland verboten waren, gelang ihr mit der Uraufführung ihres Violinkonzerts „Offertorium“ durch Gidon Kremer im Jahr 1981 der Durchbruch im Westen. Seither galt sie weltweit als eine der wichtigsten russischen Komponistinnen bzw. Komponisten der Ära nach Dimitri Schostakowitsch. Ihr Bekenntnis zum russisch - orthodoxen Glauben findet in zahlreichen Titeln von Werken wie „Lamentatio“, „De profundis“, „Johannes-passion“ in russischer Sprache (2000) ect. ihren Niederschlag. Ihr letztes Werk ist „Der Zorn Gottes“ für Orchester, das 2020 aufgrund der Pandemie von Wien aus gestreamt und 2022 live in Berlin uraufgeführt wurde. 
Georg Piel, Januar 2026

Die Ausführenden:

Matthias Krön stammt aus Erkheim im Unterallgäu. Bereits während der Schulzeit hatte er Unterricht bei Prof. Wolfgang Wilhelmi als Jungstudent in der Hornklasse von Prof. Wolfgang Gaag. Er war Mitglied im Schwäbischen Jugendsinfonieorchester und im Bayerischen Landesjugendorchester.
Sein Hornstudium absolvierte Matthias Krön an der Hochschule für Musik und Theater München bei Prof. Johannes Hinterholzer. Aushilfstätigkeiten führten ihn zum Münchner Rundfunkorchester, zum Münchner Kammerorchester, zum Mozarteumorchester Salzburg, zum Bayerischen Staatsorchester sowie zu den Münchner Philharmonikern.
Als Mitglied im Blechbläserquintett munich brass connection widmet er sich der Kammermusik.
Seit 2014 ist Matthias Krön Solo-Hornist der Münchner Symphoniker.
Brigitte Helbig studierte an der HMT München bei Sylvia Hewig-Tröscher und Markus Bellheim, sowie bei Florent Boffard (CNSM Paris) und Johannes Marian (MDW Wien). Sie arbeitete mit Komponisten wie Michael Jarrell, Steve Reich und Mark Andre zusammen.
2018 und 2021 nahm sie zwei Solo-CDs mit Klavierwerken von Hans Winterberg auf, die bei Toccata Classics erschienen sind.
2019 erhielt Helbig das Musikstipendium München. Damit initiierte sie eine eigene Solokonzertreihe mit zeitgenössischer Klaviermusik von Komponistinnen und vergab einen Kompositionsauftrag an Birke Bertelsmeier.
Im selben Jahr wurde sie durch den Förderpreis der IBK (Internationale Bodensee Konferenz) für die Interpretation zeitgenössischer Musik ausgezeichnet, sowie 2022 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis.
Seit 2019 ist Helbig Vorstandsmitglied der Münchner Gesellschaft für Neue Musik e. V. (MGNM) und seit 2021 ebenso Vorstandsmitglied des TKV München (Tonkünstler München e. V.).

Donnerstag, 22. Januar 2026
Antoniersaal Memmingen

Kammermusikabend

Streichquartett HANA
Gyurim Kwak, Fuga Miwatashi (Violinen)
Simon Rosier (Bratsche)
Tzu – Shao Chao (Violoncello)


Erwin Schulhoff
Fünf Stücke für Streichquartett
(1923)

Béla Bartók
Streichquartett Nr. 3
(1927)

Georg Piel
„...nur eine Stille...“
für Streichquartett
(2010)

Ludwig van Beethoven
Große Fuge in B-Dur, op. 133
(1825)

„Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“ *

Die Komponisten und ihre Werke

Der aus einer deutsch – jüdischen Familie stammende Erwin Schulhoff wurde 1894 in Prag geboren und starb 1942 im Konzentrationslager Wülzenburg bei Weißenburg/Bayern. Wie vielen anderen tschechischen Komponisten jüdischer Abstammung seiner Generation, die größtenteils in den Gaskammern von Auschwitz von den Nationalsozialisten ermordet wurden, blieb ihm infolge seines frühen Todes die ihm zustehende musikhistorische Anerkennung lange versagt. Nachdem ihm Antonin Dvorak, dem er als Siebenjähriger vorgestellt wurde, eine außergewöhnliche musikalische Begabung bescheinigt hatte, wurde diese umso intensiver gefördert. Später studierte er u.a. bei Max Reger in Dresden, wurde während eines Paris- Aufenthalts durch Claude Debussy beeinflusst und stand auch mit dem Schönberg- Schüler Alban Berg in Kontakt. Über den Dadaismus kam er mit dem Jazz in Berührung, den er als erster Komponist in die europäische Kunstmusik einfließen ließ. Die „Fünf Stücke für Streichquartett“, mit dem ihm 1924 in Salzburg der internationale Durchbruch gelang, können als Suite aus fünf aus unterschiedlichen Regionen stammenden, stilisierten volkstümlichen Tanzsätzen verstanden werden. Damit ergeben sich Bezüge zu Bela Bartok, dem die Einbeziehung natürlich gewachsener Volksmusik, die er auf vielen Reisen erforschte, in die Kunstmusik ein zentrales Anliegen war.

Das Streichquartett Nr. 3 Sz. 85 des 1881 in der südungarischen Kleinstadt Nagyszentmiklos geborenen und 1945 in New Yorker Exil gestorbenen Bela Bartok entstand 1927 in Budapest. Theodor W. Adorno sieht in dem Werk die Rückkehr des Komponisten zu seinen in der ungarischen Volksmusik liegenden Wurzeln nach seiner neoklassizistischen Phase, indem Bartok seine dort gewonnenen Erfahrungen bezüglich des Kontrapunkts, der Harmonik und des Klangs mit der improvisierten Musik der ungarischen Bauern verbindet. Formal spiegelt das Werk in seiner Gesamtanlage die vier Teile der in der Klassik entstandenen Sonatenhauptsatzform mit Exposition, Durchführung, Reprise und Coda wider, indem nach Erklingen des ersten und zweiten Teils der erste Teil wiederholt wird, bevor das Werk mit einer Coda endet.
*
Goethe in einem Brief an seinen Freund Carl Friedrich Zelter über das Streichquartett
im Jahr 1829
Mein eigener Versuch, das Streichquartett „...nur eine Stille...“ entstand im Jahr 2012. Der Titel leitet sich aus dem Zitat „Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille.“ von Kurt Tucholski aus dem 1927 erschienenen Essay „Zwei Lärme“ ab. Eine in der Grund-gestalt, dem Krebs, der Umkehrung und der Umkehrung des Krebses auftauchende zwölftönige Reihe und eine nach einem systematischen Verfahren permutierte und gedehnte bzw. gestauchte Abfolge der Längenverhältnisse 1:2:3 bilden gewissermaßen die „DNA“ der Komposition. Aufgabe der Interpreten ist es, die aus der Fragmentierung des Ablaufs nach musikalischen Kriterien entstandenen, mehrdeutigen Partikel neu in Beziehung zu setzen und damit dem Stück im Augenblick seines Erklingens seine momentane, einmalige Gestalt zu geben. Dabei kommt den Pausen zwischen den so entstandenen Verläufen eine besondere Bedeutung zu.

Im Rahmen der in Wien am Ende des 18. Jahrhunderts vollzogenen Reformen von
Joseph II im Sinne einer „Revolution von oben“ wurde das bis dahin dem Adel vorbehaltene Musikleben per Dekret auch für bürgerliche Kreise geöffnet. Die Folge war, dass sich in dieser Zeit, die heute als „Wiener Klassik“ bezeichnet wird, für bis dahin ausschließlich in Diensten des Adels oder der Kirche stehende Komponisten zum ersten Mal in der Musikgeschichte hervorragende Verdienstmöglichkeiten als freischaffende Künstler boten. Ludwig van Beethoven (1770-1827), äußerst schwierigen Verhältnissen einer Bonner Musikerfamilie entstammend, kam 1792 und damit ein Jahr nach Mozarts Tod nach Wien, wo er sich in kurzer Zeit in Musikerkreisen einen Namen machen konnte. Da er mit seiner zusehends alle bisherigen Formen sprengenden Musik den Nerv der Zeit traf, wurde man auch in den hoch gebildeten, den Idealen der neuen Zeit im Sinne von „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ aufgeschlossenen Adelskreisen auf ihn aufmerksam und setzte ihm von dieser Seite eine lebenslange Rente aus, um ihm ein von wirtschaftlichen Zwängen freies, autonomes künstlerisches Arbeiten zu ermöglichen. Aufgrund eines 1795 einsetzenden, sich zunehmend verschlimmernden Gehörleidens zog er sich zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und setzte diesem Schicksal die Komposition seiner bedeutendsten Werke entgegen. Die heute zu hörende „Große Fuge in B-Dur“ op.133 war ursprünglich der Schlusssatz des 1826 uraufgeführten Streichquartetts in B- Dur op. 130. Infolge der schweren Verständlichkeit des Satzes für die Zuhörer folgte Beethoven dem Vorschlag seines Verlegers, für das Streichquartett op.130 einen leichter fassbaren Schlusssatz zu schreiben und die Fuge als eigenes Werk zu veröffentlichen. Bei der „Großen Fuge“ handelt es sich nicht um eine Fuge im Bachschen Sinn. Vielmehr wird hier im ersten Teil ein Thema in vier unterschiedlichen Varianten vorgestellt, die dann im weiteren Verlauf in umgekehrter Reihenfolge zu vier Einzelfugen verarbeitet werden.
Georg Piel
Januar 2026

Das Quartett HANA

Das Quartett HANA (Gyurim Kwak, Fuga Miwatashi, Simon Rosier und Tzu-Shao Chao) wurde im April 2019 an der Hochschule für Musik und Theater München gegründet. Der Name des Quartetts spiegelt die Herkunft der Mitglieder wider: HANA bedeutet auf Japanisch „Blume“ und auf Koreanisch „Eins“ – ein Symbol für die Verbindung und den gemeinsamen Geist, der das Ensemble musikalisch vereint.
Seit 2021 studiert das Quartett bei Prof. Raphaël Merlin und dem Quatuor Ébène an der Hochschule für Musik und Theater München. Seit 2024 wird es außerdem von Prof. Heime Müller an der Musikhochschule Lübeck betreut. Ab Oktober 2025 setzt das Quartett sein Studium bei Prof. Günter Pichler an der Reina Sofía Musikschule in Madrid fort. Regelmäßige künstlerische Impulse erhalten die Musiker*innen zudem von Prof. Eberhard Feltz.
Wertvolle Anregungen erhielt das Quartett in Meisterkursen u.a. bei Prof. Günter Pichler (Alban Berg Quartett), Prof. Gerhard Schulz (Alban Berg Quartett), Prof. Oliver Wille, Prof. William Coleman (Kuss Quartett), Prof. Johannes Meissl und dem Quatuor Voce.
Das Quartett HANA ist mehrfacher Preisträger bei internationalen Wettbewerben: Semifinalist beim Wigmore Hall Streichquartett-Wettbewerb und beim Bordeaux International String Quartet Competition, 2. Preis beim Concours de Genève (2023), 3. Preis beim Carl Nielsen International Chamber Music Competition (2023), Sonderpreis „Förderpreis der Jeunesses Musicales Deutschland“ beim ARD-Musikwettbewerb (2022) sowie 3. Preis beim Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschulwettbewerb (2020).
Das Ensemble trat mit renommierten Künstler*innen wie Itamar Golan, Sarah McElravy, François Kieffer, Margarita Höhenrieder und Michael Endres auf. Konzertengagements führten das Quartett u.a. in den Victoria Hall Genf, den Großen Saal des Konzerthauses Berlin, das Prinzregententheater München, das Beethoven-Haus Bonn, den Bibliotheksaal Polling, die Stadthallen Tuttlingen und Kaufbeuren, die Jahnhalle Geislingen sowie das Teatro Rosalía de Castro in Spanien.
Darüber hinaus war das Quartett bei zahlreichen Festivals zu erleben, darunter beim Streichquartettfest des Heidelberger Frühlings, beim Mozartfest Würzburg, beim Festival Groba (Spanien), Les Classiques du Prieuré und Festival du Guérinet (Frankreich), sowie 2025 bei den Heikendorfer Rathauskonzerten und der Soirée im Schloss Burgfarrnbach in Fürth.
Das Quartett HANA ist Residency Artist bei ProQuartet für den Zeitraum 2025–2027 und erhielt 2024 ein Stipendium der CRF Foundation der Scuola di Musica di Fiesole. Seit 2021 wird das Ensemble außerdem durch Yehudi Menuhin Live Music Now München gefördert.
Die Mitglieder
Gyurim Kwak, geboren 1998 in Seoul, ist eine südkoreanische Geigerin und Mitglied des international mehrfach ausgezeichneten HANA Quartetts. Sie studierte an der Hochschule für Musik und Theater München bei Prof. Lena Neudauer und Prof. Raphaël Merlin. Als Akademistin war sie zwei Jahre lang Teil der Bamberger Symphoniker. Sie ist Preisträgerin u.a. des Concours de Genève, des ARD Wettbewerbs, des Rubinstein Wettbewerbs sowie des Kronberg Academy Förderpreis der Musikstiftung Jürgen Frei. Wichtige künstlerische Impulse erhielt sie durch Meisterkurse bei Pinchas Zukerman, Augustin Hadelich, Mauricio Fuks , Rainer Schmidt und Ana Chumachenco. Als Solistin und Kammermusikerin konzertiert sie regelmäßig auf renommierten Bühnen in ganz Europa.
Fuga Miwatashi wurde 1995 in Japan geboren. Nach ihrem Studium in ihrer Heimat setzte sie ihre musikalische Ausbildung in Deutschland fort und absolvierte sowohl den Bachelor- als auch den Masterstudiengang bei Prof. Lena Neudauer an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM). Sie ist Preisträgerin zahlreicher Musikwettbewerbe, darunter der 1. Preis beim 20. Japan Mozart Music Competition sowie der Hauptpreis beim Japan Classical Music Competition in Tokio. . Als Solistin trat Fuga Miwatashi mit verschiedenen renommierten Orchestern auf, darunter das Osaka Philharmonic Orchestra und das Sofia Philharmonic Orchestra im Sala Bulgaria.
Simon Rosier ist ein niederländischer Bratschist. Derzeit absolviert er sein Masterstudium an der Universität Mozarteum Salzburg mit Prof. William Coleman. Er ist bei verschiedenen internationalen Festivals aufgetreten, wie beim Het Grachtenfestival Amsterdam, beim Internationale Kammermusikfestival Utrecht und beim FESTIVAL NEXT GENERATION in der Schweiz.
Tzu-Shao Chao, geboren 2001 in Taiwan, begann mit vier Jahren Cello zu spielen und wurde früh vom Kulturministerium Taiwan gefördert. Er studierte bei Prof. Maria Kliegel (Köln) und setzt seit 2023 sein Masterstudium bei Prof. Wen-Sinn Yang (München) sowie in Kammermusik bei Prof. Raphaël Merlin (Quatuor Ébène) fort. Chao ist festes Mitglied des HANA Quartetts und konzertiert regelmäßig als Solist und Kammermusiker in Europa und Asien. Er gewann Preise bei internationalen Wettbewerben wie Markneukirchen, Graz, Tschaikowski-Wettbewerb für junge Musiker und ist Träger des Chimei Arts Awards (2022, 2025). Er ist Stipendiat der Deutschen Stiftung Musikleben und spielt ein bedeutendes italienisches Cello von Joseph Guarnerius Filius Andreae, verliehen vom Deutschen Musikinstrumentenfonds.


Duorezital Larissa Wiest und Laura Primavesi (Bratsche)

22. November 2025 , 17.00 Uhr: Ev. Dreieinigkeitskirche Memmingen – Buxach


Programm:

Krzysztof Penderecki: Cadenza per Viola Sola (1984) 


Bela Bartok : aus „44 Duos“ (1931):

1 Párosító (Necklied) 2 Kalamajko (Reigen) 3 Menuetto (Menuett) 5 Tót nóta (Slowakisches Lied) 

6 Magyar nóta (Ungarisches Lied) 7 Oláh nóta (Wallachisches Lied) 10 Rutén nóta (Ruthenisches Lied) 11 Cyermekrengetéskor (Wiegenlied) 12 Szénagyutéskor (Heuerntelied) 13 Lakodalmas (Hochzeitslied) 14 Parnás tánc (Polstertanz) 


Henning Wölk: Die Himmelsleiter (2022) 

1. per aspera… 

2. …de profundis… 

3….ad astra … 


Bela Bartok: aus : „44 Duos“

15 katonanóta (Soldatenlied) 16 Burleszk (Burleske) 17 Menetelö nóta (Ungarischer Marsch) 

19 Mese (Märchen) 20 Dal (Wechselgesang) 21 Ujévköszöntö (Neujahrslied) 22 Szunyogtánc (Mückentanz) 23 Menyassznybúcsúztáto (Abschied von der Braut) 25 Magyar nóta (Ungarisches Lied) 

H.I.F. Biber: Passacaglia aus den „Rosenkranz-Sonaten“ (1676)


Bela Bartok: aus „44 Duos“ 

26 Ugyan édes komámasszony (Spottlied) 28 Bánkódás (Gram) 30 Ujévköszöntö (Neujahrslied)
31 Ujévköszöntö (Neujahrlied) 32 Máramarosi tánc (Tanzlied) 35 Rutén Kolomejka (Ruthenische Kolomejka) 36 Szól a duda (Dudelsack) 38 Forgatós (Rumänischer Drehtanz) 39 Szerb tánc (Serbischer Flechttanz) 40 Oláh tánc (Wallachischer Tanz) 41 Scherzo (Scherzo) 42 Arab dal (Arabischer Gesang) 43 Pizzicato (Pizzicato)

Die Künstlerinnen:

Die Bratschistin Larissa Wiest, geboren 2002, studiert aktuell bei Muriel Razavi an der Universität Mozarteum Salzburg.
Sie ist mehrfache Preisträgerin bei Jugend Musiziert sowie Preisträgerin der Interna,onal
Compe,,on Malopolska 2022.
Prägende musikalische Impulse erhielt sie unter anderem durch Teilnahme an Meisterkursen bei Thomas Riebl, Gerhard Marschner, Boris Kucharsky, William Coleman, Jean Sulem sowie Oliver Wille.
Ihr besonderes Interesse gilt dem Orchester-spiel, Erfahrung hierbei sammelte sie bereits als Mitglied verschiedener Jugendorchester, wie unter anderem dem Bayerischen Landesjugendorchester.
2024 war Larissa Mitglied und Solobratsche des Schleswig-Holstein-Fes,valorchesters.
Konzertreisen führten sie bereits nach Italien, Ungarn, Dänemark, der Ukraine und China.
Neben dem Orchester hat Larissa auch eine besondere LeidenschaW für die Kammer-musik, sowie die Aufführungspraxis von sowohl Alter als auch Neuer Musik.
Ihre musikalische Ausbildung begann sie am Klavier, 2012 kam die Bratsche hinzu. Unterrichtet wurde sie zuerst an der Musik-schule Gilching, ab 2016 von Konstantin Sellheim (Münchner Philharmoniker).
Ihr Studium begann sie 2021 bei Andreas Willwohl an der HfM Nürnberg und setzt ihren Bachelor seit 2022 in Salzburg fort.

Sie spielt eine moderne Bratsche von Zvi Dori (2021) sowie einen französischen Bogen von Jude-Francois Gaulard (1840).

Laura Primavesi, geboren am 28. April 2003, erhielt ihren ersten Geigenunterricht im Alter von 5 Jahren bei Esther Schöpf. Mit 13 Jahren wechselte sie zur Bratsche. In der Schulzeit hatte sie Unterricht bei Peter und Simone Michielsen. Sie spielte unter anderem im Bayerischen Landesjugendorchester, war von 2017 bis 2019 Stipendiatin der Deutschen 

Stiftung Musikleben und gewann mehrfach Bundespreise bei Jugend Musiziert.

Nachdem Abitur 2021 nahm sie Bratschenunterricht bei Ben Hames und begann ihr Medizinstudium.

Parallel dazu studiert sie seit dem Wintersemester 24/25 bei Prof. Roland Glassl an der HMTM.

Wichtige Impulse erhielt sie von Sonja Korkeala, Ingolf Turban, Christoph Poppen, Rudolf Gleißner, Anja Lechner, Xandi van Dijk beim Diogenes-Quartett, sowie im Kammermusikunterricht bei Prof. Raphaël Merlin.

Werke und Komponisten:

Krzysztof Pendereckis „Cadenza per Viola Sola“ entstand 1984, als der Komponist bereits tief in seiner nüchterneren, neoromantischen Phase steckte und die neuartigen Streichereffekte seiner Jugend hinter sich gelassen hatte. Eine Kadenz ist normalerweise ein unbegleiteter Glanzpunkt inmitten eines Konzerts, insbesondere im ersten Satz, und diese Kadenz wird dieser Herausforderung zweifellos gerecht. Sie beginnt jedoch, als würde sie daran erinnern, dass eine Kadenz ursprünglich eine Kadenz ist, ein Fall, der durch eine kleine Sekunde von As nach G, der tiefsten Note des Instruments, fällt. Daraus entsteht ein melodisches Motiv in Form einer Tonleiter, das kraftvoll entwickelt wird, bevor das Stück zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt.
Aus den Anmerkungen von Paul Griffiths © 2015

Hier eine Erläuterung der Komponisten Henning Wölk zu seinem Werk:

Die Himmelsleiter (2022)
Das Stück „Die Himmelsleiter“ entstand im Frühling 2022 in den Monaten nach dem Ausbruch des Ukrainekrieges. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits den Entschluss gefasst, einen mehrsätzigen Zyklus für Solo-Bratsche zu komponieren – ich wollte gerne einen Beitrag zum Repertoire dieses solistisch viel zu unterschätzten Streichinstrumentes leisten.
Der Ausbruch des Krieges im Februar 2022 war der entscheidende Impuls für dieses Werk: Die Bilder der fliehenden Menschen, Autobahnen, auf denen sich Autos bis an den Horizont stauten, Verletzte, die aus zerbombten Häusern getragen wurden – all das löste in mir ein intensives Nachdenken über die Menschheit im Allgemeinen aus:
Warum tun wir Menschen uns solch schreckliche Dinge an? Was ist es am Menschen, das Leid einen festen Bestandteil seines Lebens sein lässt? Ist es nicht ein verbindendes Element, ungeachtet der Kultur oder Religion, dass Menschen letztlich doch an eine Art ‚Erlösung‘ glauben, die dem Erlebten einen letzten Sinn geben kann?
Der Zyklus „Die Himmelsleiter“ ist also kein unmittelbar politisches Stück – eine Gedenkmusik für die Opfer des Ukrainekrieges schrieb ich im weiteren Verlauf des Jahres -, es ist vielmehr ein musikalisches Nachzeichnen des menschlichen Lebens und Leidens und seiner Hoffnung auf ein ‚Danach‘.
Der 1. Satz „per aspera…“ spiegelt das Leid des Menschen wider – die „Geworfenheit“, um es mit Heidegger zu sagen. Der Mensch wird durch äußere Umstände hin- und hergeworfen, wird attackiert, vertrieben, lebt ein Leben in existenzieller Unsicherheit. Die Brutalität der ‚menschlichen‘ Umstände kommt gleich zu Beginn durch den brutalen Triolenschlag zum Ausdruck. Immer wieder bricht sich die Unruhe in Accelerandi Bahn, versucht in größtmöglicher Steigerung einen Befreiungsschlag, nur um am Ende wieder am Ausgangspunkt anzugelangen – dem Unisono-G auf zwei Saiten gespielt. Am Ende verklingt ein einsames G resigniert im Nichts. Der 1. Satz handelt zusammengefasst vom Nichtfortkommen.
Der 2. Satz „… de profundis…“ ist ein Sinnbild für die Flucht. Der Satz prescht unaufhörlich in Sechzehntelnoten voran – er lässt dem Publikum und der ausführenden Person keine Sekunde zum Verschnaufen. Chromatisch zieht sich immer wieder die Schlinge um einen Zentralton zusammen, Skalen peitschen erbarmungslos auf- und abwärts. Der 2. Satz handelt vom Fortmüssen.
Der 3. Satz „…ad astra“ steht für einen Ort jenseits des Leidens und für die Erlösung, die sich alle Menschen am Ende der Dinge erhoffen: Egal ob im Diesseits oder im Jenseits, als religiöses Ziel oder als die berühmte Veranda im Sonnenuntergang. Der Mensch scheint geeint zu sein, nicht nur in seiner leidvollen Existenz, sondern gerade in seiner unerschöpflichen Hoffnung auf ein Nach-dem-Leid, auf ein Sich-Lohnen oder ein finales Zur-Ruhe-Kommen.
Für diesen Satz hat mich ein Bild besonders geprägt: Dass der Mensch am Ende seines Lebens sein Leben überschaut und sich ihm der Sinn aller Wege offenbart, die er gegangen ist. Von einer Anhöhe aus überblickt er alles, vergegenwärtigt sich noch einmal alle Tiefpunkte und Umwege auf seinem Lebensweg, er kann letztlich damit abschließen und gelöst in das Ewige Danach eintreten – was es im Einzelnen auch sei.
Dieses Bild erklärt die wechselnden Klangfarben des 3. Satzes – die scheinbar schwerelosen Melodien trüben sich ein, setzen noch einmal an, kommen aber immer noch nicht am Ziel an. Erst ganz am Ende ist die Musik gänzlich gelöst, die Arpeggien schwingen sich ungehindert empor in den Himmel. Zuletzt erklingt das ‚Erlösungsthema‘ in wahrhaft himmlischer Höhe. Der dritte Satz handelt also vom Ankommen.
Eine persönliche Randnotiz: Als ich die Arbeiten zum 3. Satz bereits begonnen hatte, starb meine Großmutter. Auch sie musste – wie der 2. Satz beschreibt – im 2. Weltkrieg fliehen. Ihr Name war Hilde Davidsen. Erst später fiel mir auf, dass ich ihre Initialen unabsichtlich an den Beginn des 3. Satzes gestellt hatte. (Der Satz beginnt mit den Tönen h und d.) So ist dieser 3. Satz meiner lieben Oma gewidmet, während der 1. Satz Sophie Kiening gewidmet ist, die mich bei meinem Vorhaben eines Bratschenzyklus immer unterstützte und die Uraufführung spielte. Der zweite Satz ist Veronika gewidmet, einem Baby, deren Mutter aus den Trümmern der Geburtsklinik in Mariupol getragen wurde und die wenige Tage später geboren wurde.
Henning Wölk 

Die Passacaglia aus den „Rosenkranz“ – oder „Mysteriensonaten“ von Heinrich Ignaz Franz Biber aus dem Jahr 1676 ist als einziges unbegleitetes Stück den fünfzehn die Geheim-nisse des Rosenkranzes thematisierenden, generalbassbegleiteten Sonaten nachgestellt. Im Autograph steht vor jeder Sonate einen Kupfer-stich in Form eines Medaillons. Das Medaillon zur heute in der Fassung für Bratsche zu hörenden Passacaglia zeigt in Verbindung zum Rosenkranzgebet ein Kind, das von einem Engel an die Hand genommen wird , der es als Schutzengel an sein Lebensziel führt.

Die Komponisten

Der polnische Komponist Krzysztof Penderecki wurde am 23. November 1933 in der Kleinstadt Dębica geboren, lernte bereits als Kind Geige und Klavier und studierte bis 1958 bei Artur Malawski und Stanisław Skołszewski Komposition an der Musikakademie Krakau und parallel Kunst- und Literaturgeschichte sowie Philosophie. Nach Abschluss des Studiums unterrichtete er Komposition.
Seinen Durchbruch hatte er bereits 1959, nachdem er unter drei verschiedenen Namen drei Kompositionen beim Wettbewerb des polnischen Komponistenverbandes eingereicht und mit den Werken „Strophen“, „Emanationen“ und „Aus den Psalmen Davids“ alle ausgeschriebenen Preise gewonnen hatte.
In den Folgejahren wurde Penderecki einer der wichtigsten Vertreter der Polnischen Avantgarde und entwickelte die Postserielle Musik, wandte sich jedoch später von diesem Stil ab und stärker der Tradition zu. Das hatte den öffentlichen Bruch von Seiten anderer Vertreter des Musiklebens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Folge, darunter Helmut Lachenmann. Ein Meilenstein seines Schaffens ist die Lukas-Passion von 1965, mit der er die Wende zurück zu einer tonalen Sprache vollzog.
Penderecki war einer der meistgespielten Gegenwartskomponisten und arbeitete eng mit den wichtigsten Interpreten unserer Zeit zusammen. So veröffentlichte Florian Uhlig 2013 eine Einspielung von Pendereckis Klavierkonzert „Resurrection“, einer künstlerischen Auseinandersetzung mit den Anschlägen vom 11. September 2001. 2018 legte Anne-Sophie Mutter anlässlich des 85. Geburtstages von Penderecki ein Doppel-Album mit Werken von ihm vor.
Penderecki starb am 29. März 2020 im Alter von 86 Jahren in Krakau.

Der Komponist und Pianist Béla Bartók wurde am 25. März 1881 im ungarischen Nagyszentmiklós geboren. Seine musikalische Grundausbildung erhielt er von seiner Mutter Paula. Nach dem Abitur 1899 besuchte er die Meisterklassen für Klavier und Komposition an der Budapester Musikhochschule. Im Anschluß an das Studium nahm er bis 1934 eine Professur für Klavier an der dortigen Liszt-Hochschule an. In den Jahren 1920 bis 1940 unternahm er zahlreiche Konzertreisen und gab eine umfangreiche Volksliedsammlung für die Akademie der Wissenschaften in Budapest heraus. 1940 emigrierte er nach New York, wo er bis zu seinem Tode gemeinsam mit seiner Frau Ditta Konzerte eigener Kompositionen gab. Sein kompositorisches Schaffen umfaßt zahlreiche Konzerte, Klavier-, Chor- und Vokalwerke, eine Oper und zwei Ballette. Bartók starb am 26. September 1945 in New York.
Heinrich Ignaz Franz Biber: * 12.8.1644 Wartenberg/Böhmen (Stráž pod Ralskem/CZ), † 3.5.1704 Salzburg. Komponist und Geigenvirtuose. Vor 1668 möglicherweise im Dienst des Fürsten J. S. v. Eggenberg in Graz, danach 1668–70 im Dienst des Fürstbischofs
C. Liechtenstein-Castelcorn in Kremsier, ab 1670/71 am Salzburger Hof tätig (1678 Vizekapellmeister, 1684 Kapellmeister). 1690 wurde er von Kaiser Leopold I. in den erblichen Adelsstand erhoben. B. zählt zu den bekanntesten Virtuosen und Komponisten seiner Zeit, bedeutend v. a. durch seine Skordatur-Werke (z. B. Rosenkranzsonaten); seine Kirchenmusik fällt durch ihre monumentale Polyphonie auf (Missa Salisburgensis für 53 Stimmen, Heinrichs-Messe)

Henning Wölk wurde 1994 in Hamburg geboren und erhielt seinen ersten Instrumentalunterricht im Alter von 8 Jahren. Von 2014 – 2018 studierte er Schulmusik, Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und der Universität Hamburg. Nach seinem Bachelorabschluss studierte er an der Hochschule für Musik Hanns Eisler im Studienfach „Historischer und Zeitgenössischer Tonsatz“ bei Prof. Maria Baptist. Zurzeit setzt er sein Tonsatzstudium im Master fort.
Seit seiner Jugend sang Henning Wölk in verschiedenen Chören und ist seit 2016 Teil des Vocoder Ensembles, das mit nahmhaften Künstlern wie den King’s Singers, Voces8, Stephen Connolly und den Alten Bekannten gearbeitet hat.
Als Komponist und Arrangeur lag zunächst ein Fokus auf der Vokalmusik. So schrieb er bereits zahlreiche Werke für das Vocoder Ensemble und arbeitete u. a. mit dem Orpheus Vokalensemble und dem Berliner Kollektiv tutti d*amore. Seit seinem Tonsatzstudium widmet er sich verstärkt der Instrumentalmusik.
Seit 2017 ist Henning Wölk Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.
https://hkwmusic.de/vita/

Den unterdrückten Namenlosen eine Stimme geben

Kirchenkonzert zum Jubiläum „500 Jahre Memminger Freiheitsrechte“ in „Mariä Himmelfahrt“ 
in Memmingen


Donnerstag, 25. September 2025, 20.00 Uhr
Kath. Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, Memmingen 

Im Zentrum des ca. 70 - minütigen Programms standen die beiden Kompositionen "La Fabbrica illuminata" und "Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz" des italienischen Komponisten Luigi Nono (1924 - 1990), der heute zu den wichtigsten Vertretern der so genannten "engagierten Musik" gerechnet wird.
 
 Bei der Etablierung  der musikalischen Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Zusammenhang mit der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten das damals neu erfundene Magnettonband von verschiedenen Komponisten quasi als Musikinstrument und Klangerzeuger eingesetzt. Dabei wurden einerseits zuvor aufgenommene Töne, Umweltgeräusche ect. in eigens dafür geschaffenen Studios  aufwändigen Manipulationen unterzogen. Andererseits entstanden mit elektronischen Mitteln bis dahin nie da gewesene Klänge, die dann zu Kompositionen zusammengefügt wurden. Neben dem Studio für Elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks in Köln, wo Karlheinz Stockhausen in den fünfziger Jahren  mit seinen bahnbrechenden Arbeiten für Aufsehen sorgte, entstanden - ebenfalls mit staatlichen Mitteln gefördert - entsprechende Einrichtungen auch in Mailand, Brüssel, Utrecht,   Paris u.a.. Während es Stockhausen bis auf wenige Ausnahmen darum ging, bei seinen kompositorischen Arbeiten im Sinne einer "art pour l´art" die neuen elektronischen Möglichkeiten künstlerisch zu erforschen, verstand  sich Luigi Nono als bekennender Sozialist seit jeher als Ausdrucksmusiker mit dem ästhetischen Anspruch, sich gegen Unrecht aufzulehnen und den namenlosen Unterdrückten und Benachteiligten in seiner Kunst eine Stimme zu geben.
 
   "La Fabbrica illuminata" ("Die erleuchtete Fabrik") für Sopran und Tonband entstand im Jahr 1964 im Studio des staatlichen italienischen Rundfunks (RAI) in Mailand. Nono verbindet  hier in einem Walzwerk in Genua - aufgrund der Arbeitsbedingungen und der häufigen, auch tödlichen Betriebsunfällen  "Todesfabrik" genannt - aufgenommene akustische Eindrücke   und  im Studio synthetisch erzeugten Klänge , die vom Tonband wiedergegeben werden, mit dem hinzu komponierten Gesang der live agierenden Sopranistin zu einer beklemmenden und  anklagenden, zugleich aber auch Hoffnung verbreitenden Komposition. So schließt das Werk mit dem von der Sängerin vorgetragenen Satz: "Vergehen werden die Morgen - Vergehen werden die Ängste- Es wird nicht immer so sein."
 
  "Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz" („Erinnere dich, was sie dir in Auschwitz angetan haben") aus dem Jahr 1966 ist eine reine Tonbandkomposition. Es handelt sich dabei um die elektronische Verfremdung einer auch von Nono stammenden Chorkomposition, die als Bühnenmusik zu dem Theaterstück "Die Ermittlung" von Peter Weiß entstanden ist, wo auf der Basis von Originaldokumenten der erste Prozess gegen die Beschuldigten von Auschwitz in den 60er Jahren thematisiert wird. Die Komposition basiert auf menschlichen Lauten ohne Text.
 
Diesen beiden Werken von Luigi Nono wurden als Kontrast die beiden Choralvorspiele "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" BWV 686 und BWV 687 aus der "Clavier Übung Band III"  für Orgel von Johann Sebastian Bach gegenübergestellt. Den Abschluss des Konzerts  bildeten die 1941 entstandenen  "Variationen über ein Rezitativ" op.40 von Arnold Schönberg (1874-1951), dem Schwiegervater von Luigi Nono,  ebenfalls für Orgel.
 

Ausführende:
 
Anne-May Krüger (Sopran): Geboren in Berlin, studierte Gesang bei Rudolf Piernay und an den Musikhochschulen in Leipzig und Karlsruhe. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf dem Repertoire des 20. und 21. Jahrhunderts. Zahlreiche Werke u.a. von Hans Tutschku, Kurt Schwertsik, Mike Svoboda, Manos Tsangaris und Andreas Eduardo Frank entstanden eigens für sie. Engagements führten sie ans Oldenburgischen Staatstheater, das Nationaltheater Mannheim, das Theater Basel und die Staatsoper Stuttgart sowie zu Festivals wie Wien Modern, MaerzMusik (Berlin) und Lucerne Festival. Seit 2023 hat sie eine Professur an der Hochschule für Musik in Basel inne.

Kurt Renner (Orgel): Geboren 1960, war Orgelschüler von Habs Braun, Winfried Bönig und Christian Weiherer. Nach seinem C- Examen hatte er  von 1976 bis 1978 das Organistenamt an St. Johann in Memmingen inne. Seit 1994 ist er Organist in Heimertingen. Sein umfangreiches Repertoire und seine herausragenden künstlerischen Fähigkeiten führen immer wieder zur Zusammenarbeit mit dem Kirchenchor St. Josef, concerto 99, dem Allgäuer Kantatenchor und der ev. Kantorei St. Martin. Kurt Renner konzertierte u.a. in Berlin, Rom und Budapest.
 
Rainer Lorenz (Klangregie): Studierte Musik und Informatik in Karlsruhe. Seit 2018 ist er Leiter des ComputerStudio der HfM Karlsruhe. Schon während seiner Ausbildung als Musiker galt sein Interesse auch der Praxis des Zusammenspiels von Musik und Technologie. Mit der Begegnung mit Luigi Nono, Hans Peter Haller in 1984 und dem Tonmeister Friedrich Mauermann wurde der Themenbereich der angewandten Musiktechnologie/-Informatik ein zentraler Schwerpunkt seiner Arbeit. Er war Konzertpianist, Lehrer für Klavier und Musiktheorie, Jazz- und Tanzmusiker, Tonmeister, Musikproduzent, Stipendiat der Akademie Schloss Solitude Stuttgart und initiierte und leitete das Unterrichtsangebot „Medien“ an der MuKS Bruchsal. Er war als Komponist und Klangregisseur Mitglied der NKG Neuen Komponisten Gesellschaft Karlsruhe und Mitarbeiter am ZKM, Gastdozent an der ETH Zürich und Mitarbeiter am Forschungsprojekt „Virtueller Hochschulverbund Karlsruhe“ des Landes Baden-Württemberg. Nach dem Studium gründete er das Studio für angewandte Audio- und Medientechnik. Im Rahmen dieser Tätigkeit arbeitete er mit vielen namhaften Komponisten, Firmen, Institutionen und Festivals für zeitgenössische Musik und Kunst in Europa zusammen. Als Spezialist für Musik und Musik-/Medientechnologie wurde er an die HfM gerufen, um dort zusammen mit Prof. Dr. Troge das ComputerStudio aufzubauen, das als Studio für elektronische Musik und neue Medien zusammen mit dem ZKM und anderen kulturellen Einrichtungen in Karlsruhe im Rahmen der Kunstkonzeption des Landes Baden-Württemberg Anfang der 1990ger an der HfM eingerichtet wurde.


Duoabend Trompete/Klavier

Benedikt Neumann, Trompete
Viktor Soos, Klavier

Freitag, 14.3.2025 Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth, Ottobeuren

Ein im Rahmen des GAP-Strategieplans Deutschland 2023 – 2027 gefördertes Projekt im Freistaat Bayern

Klavierabend

21.2.2025 
Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth, Ottobeuren

 Julia Rinderle, Klavier


„Mystik und Magie“ 

Werke vom Fin de Ciècle bis in die Gegenwart

Lili Boulanger (1893-1918): Trois Morceaux:
 I. D’un Vieux Jardin
 II. D’un Jardin Clair
 III. Cortège
 
Claude Debussy (1862-1918): L’Isle Joyeuse 
(1862-1918)

Charlotte Seither (*1965): Gran passo (2006)

Mel Bonis (1858-1937): aus „Femmes de Légende“: 
 Salomé 
 Phoebé 

Cécile Chaminade:  L’Ondine 
(1857-1944) Lolita, Caprice espagnole 
 
Jörg Widmann Auswahl aus: Zirkustänze (2012)
(*1973)

Ein im Rahmen des GAP-Strategieplans Deutschland 2023 – 2027 gefördertes Projekt im Freistaat Bayern

Kammermusikabend 16.1.2025

Antoniersaal Memmingen
Prof. Winfried Rademacher (Violine)
Prof. Beatriz Blanco (Violoncello)
Studierende der Staatl. Hochschule für Musik Trossingen
Richard Aigner (Sprecher)

Franz Schubert (1797-1828): Streichtriosatz B-Dur D 471
Arnold Schönberg (1874-1951): Streichsextett „Verklärte Nacht“ op.4


Das Streichsextett „Verklärte Nacht“ in d- moll Op.4 komponierte der damals
vierundzwanzigjährige Arnold Schönberg (1874-1951) während eines dreiwöchigen
Ferienaufenthalts zusammen mit seiner späteren ersten Ehefrau Mathilde Zemlinsky und deren
Bruder, seinem späteren Schwager Alexander Zemlinsky im September 1899 in Payerbach an der
Rax in Niederösterreich. Alexander Zemlinsky war als akademisch ausgebildeter Musiker (später u.a.
Dirigent an der Wiener Hofoper, heute Wiener Staatsoper) für den Autodidakten Schönberg ein
wichtiger Mentor und ermöglichte auch die Uraufführung des Streichsextetts Op.4 im Kleinen
Musikvereinssaal in Wien im März 1902.
Inhaltlich beruht die Komposition auf dem gleichnamigen, fünfstrophigen Gedicht des damals
berühmten Lyrikers Richard Dehmel. Es handelt von einem nächtlichen Spaziergang einer Frau in
Begleitung eines sie liebenden Mannes in einer klaren, kalten Mondnacht. Dabei gesteht die Frau
ihrem Begleiter, von einem anderen Mann schwanger zu sein, den sie aus Pflichtgefühl auch
geheiratet habe, ohne ihn wirklich zu lieben. Sie fühlt sich schuldig und fürchtet nun, deshalb von
ihrem Begleiter, den sie aufrichtig liebt, verstoßen zu werden. Wider Erwarten und entgegen den
damals bestehenden gesellschaftlichen Normen und Gepflogenheiten gesteht der Begleiter jedoch
seine Liebe und versichert ihr, das Kind , mit dem sie von einem fremden Mann schwanger ist, als
sein eigenes anzunehmen.
In Analogie zur fünfstrophigen literarischen Vorlage besteht das Streichsextett op.4 aus fünf
kontrastierenden Teilen , die Schönberg, der Tradition der „Sinfonischen Dichtung“ von Franz Liszt
und Richard Strauss folgend, in einem Satz zusammengefasst hat. Dabei bedient er sich der auf
Johannes Brahms zurückgehenden Technik der „entwickelnden Variation“ , bei der ein kurzes, sich
fortlaufend veränderndes Motiv als Grundlage für die Herstellung komplexer musikalischer
Sinnzusammenhänge verwendet wird. Hinsichtlich der Harmonik sind wegen der häufigen
Verwendung „alternierender“ , d.h. nebeneinander stehender Akkorde, bei denen jeweils nach
klanglichen Kriterien einzelne Töne zur Weitung des tonalen Klangraumes ausgetauscht werden,
Bezüge zu Richard Wagner unverkennbar.
In einem Aufsatz aus dem Jahr 1950 , also mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung,
unterzieht Schönberg sein Streichsextett Op.4 einer ausführlichen Analyse. Hier belegt er konkret
anhand von Notenbeispielen die leitmotivische Zuordnung musikalischer Strukturen zu bestimmten
Passagen der literarischen Vorlage. Schönberg beschreibt dabei allerdings auch , dass ihm bei der
Komposition nicht vorrangig die Nachzeichnung „irgendeiner Handlung“ oder einer Tragödie ,
sondern die Darstellung der Schönheit der Natur und menschlicher Gefühle wichtig war. Auf der
einen Seite erklärt er ausführlich, dass es sich bei der „Verklärten Nacht“ dem Geist der Zeit seiner
Entstehung entsprechend um ein Stück Programmusik handelt, andererseits merkt er aber auch an,
dass seine Komposition im Unterschied zu manch anderen Werken auch ohne Kenntnis des
außermusikalischen Programms geschätzt und verstanden werden kann.
Der Streichtriosatz B- Dur D 471 von Franz Schubert (1797 – 1828) ist die erste von zwei in den
Jahren 1816/17 entstandenen Kompositionen in dieser Besetzung. Beide Werke waren wie auch
Schuberts frühe Streichquartette für das häusliche Musizieren in der Familie bestimmt, wo Schubert
die Bratsche und sein Vater und seine Brüder die Violine und das Violoncello spielten. Wie auch bei
anderen Werken des damals zwanzigjährigen Komponisten sind im Streichtriosatz D471 noch
deutliche Anklänge an Schuberts große Vorbilder Haydn und Mozart ersichtlich. Warum der heute
zu hörende Streichtriosatz D 471 in seiner Einsätzigkeit unvollendet blieb, ist nicht bekannt.
Georg Piel, 08.01.2025

Solorezital

Gyurim Kwak Violine 

Samstag 30. November 2024

ev. Vereinigungskirche Buxach.

Das Programm:
Wolfgang Rihm (1952-2024): Über die Linie VII 
Johann Sebastian Bach:(1685-1750): Chaconne aus der Partita Nr. 2, BWV 1004
Bela Bartok (1881-1945): Sonate für Violine Sz. 117  

Unsere zweite Konzertsaison

unsere zweite Konzertsaison begann am Donnerstag 24.10.24 20 Uhr im Antoniersaal mit einer spannenden Veranstaltung:
Prof. Moritz Eggert und seine StudentInnen von der Staatl. Hochschule für Musik und Theater München führten mit dem Projekt 

"Musik und künstliche Intelligenz

einige Ihrer Kompositionen zusammen mit Studierenden der Instrumentalklassen auf:

„Klavierkonzert“

Minami Nagai, Leon Zmelty, Fabian Blum

Seit jeher ist das Solokonzert die Gattung, bei der Solistinnen und Solisten ihre Fähigkeiten zur Schau stellen dürfen. Im Zusammenspiel mit dem Orchester gehen sie an die Grenzen ihres Instruments und dessen, was „spielbar“ ist. Mit dem Einzug des Geniekults seit der Klassik hat das Genre erheblich an Bedeutung gewonnen und auch heute stehen Solokonzerte häufig auf dem Programm. Menschen, die nicht häufig in Konzerte geben, können Solist:innen bestaunen, was einige Musiker:innen durch zusätzliche Showeinlagen für sich zu nutzen wissen.

Bei unserem KI-Konzert steht ebenfalls ein Klavierkonzert auf dem Programm. Der Spot gehört allerdings keinem Menschen, sondern dem „Computer“, genauer gesagt dem selbstspielenden Klavier. Das Orchester wird zum Begleiter, Mitspieler und Counterpart. Wobei der „Computer“ nicht nur das Spielen übernimmt, sondern auch das Komponieren. Mit künstlicher Intelligenz, der Software „Ricecar“, wird eine Klavierstimme geschrieben, die weiteren  Instrumentalstimmen stammen von menschlichen Komponist:innen. Diese Arbeitsteilung wirft einen Spot auf künstliche Intelligenz und ermöglicht gleichzeitig einen sehr unterschiedlichen Umgang mit künstlicher Intelligenz. Es ist den Komponist:innen überlassen, ob sie das Klavier begleiten, konterkarieren, sich unterordnen oder gegen es anschreiben möchten.

Darüber hinaus wird die Klavierstimme zwar mit Ricecar komponiert, benötigt aber dennoch erheblichen kreativen Input von Menschen, um zu einem interessanten Ergebnis zu kommen. Das selbstspielende Klavier ist in der Lage, Passagen zu spielen, die für Menschen unspielbar sind. So verschieben sich die Grenzen des „Spielbaren“. Beim Komponieren mit Ricecar versuchen wir, an die Grenzen des für selbstspielende Klaviere Spielbaren heranzukommen. Die unterschiedlichen Sätze widmen sich verschiedenen Herausforderungen und stellen so die Bandbreite kompositorischer und v.a. spielerischer Virtuosität dar.

„Bilder eines Vektorraums“

Hanyu Xiao, Yann Windeshausen

Eine künstliche Intelligenz braucht immer einen Befehl, eine Inspiration, ein Ausgangspunkt, etwas mit dem sie arbeiten kann. Dies wird zusammengefasst als Prompt bezeichnet.

Einer der zahlreichen interessanten Aspekte der KI, besteht darin, dass bei gleichbleibendem Prompt immer verschiedene Ergebnisse entstehen.

Das Stück „Bilder eines Vektorraumes“ spielt mit diesem Phänomen, indem es die verschiedenen Ergebnisse eines Prompts, in diesem Fall den Beginn eines bekannten Klavierstückes Franz Schuberts, aufzeigt.

Angelehnt an Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“, erklingt zwischen den verschieden kurzen Stücken der KI immer wieder der Prompt. Die Aufgabe der Komponist:innen ist es, die Ergebnisse der KI, die für Klavier geschrieben sind, zu arrangieren und zu instrumentieren.

„Verhandlung“

Hanyu Xiao, Eva Kuhn, Minami Nagai, Torbjørn Heide Arnesen, Fabian Blum

Wie funktioniert eine Verhandlung mit einer KI, die Musik generiert? Wie könnte ein Musikstück aussehen, in dem sich Mensch und KI gegenüberstehen? Nähern sie sich einander an, entfernen sie sich voneinander, oder verharren sie auf ihren eigenen Standpunkten?

In unserem Stück, bei dem Mensch und KI im Wechsel komponiert und unterschiedlich aufeinander reagiert haben, versuchen wir Antworten auf diese Fragen zu finden und musikalisch damit zu experimentieren. Mit einem intensivem Versuch beginnend, die KI in eine bestimmte Richtung zu lenken, bleibt es zunächst – nicht zuletzt durch die Wahl der Instrumentierung – durchschaubar, welche Teile die Komponist:innen beisteuerten und welche Abschnitte von „Ricercar“ generiert wurden. Im Verlauf des Stückes weicht diese Struktur immer weiter auf und die vermeintliche Zuweisung der musikalischen Urheberschaft wird den Zuschauer:innen überlassen. Es bleibt die allgegenwärtige Frage, wie wir in Zukunft Menschengemachtes von KI-generierten Inhalten – nicht nur in der Kunst – unterscheiden können. Wo Annäherung und Verschmelzung wünschenswert und gewinnbringend sein können und wo sie gefährlich oder irreführend werden.

„Maze of Data“

Eva Kuhn, Yann Windeshausen, Leon Zmelty

In „Maze of Data“ treffen KI-generierter Songtext (ChatGPT, Claude AI) sowie KI-generierte Stimme und Melodie (Udio) auf menschlich komponierte Instrumentalstimmen und eine menschliche Performance. Auf diese Weise verschwimmen die Rollen von Mensch und KI. Es entsteht ein musikalisch-theatrales Werk, dessen Entstehungsprozess und künstlerische Umsetzung in gleicher Weise menschlich wie maschinell beeinflusst sind. »But I wonder what ist’s like to be you.« - Die KI fragt danach, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und schlägt teilweise überraschend tiefgründige Antworten vor. Träume, Berührungen, Erinnerungen, Abschied… Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld, in dem wir mögliche Grenzen zur Menschlichkeit erkunden und zugleich aufbrechen.

In der Tradition der Drag-Show spielen wir mit Täuschung und Rollentausch. Durch Lip Syncing verleihen wir der vom Band kommenden KI-Stimme einen menschlichen Körper. Dabei kreieren wir eine Musik, die Spaß machen darf, ohne sich in tiefen philosophischen Diskursen zu verlieren.


Komponist:innen: 

Minami Nagai, geboren 1993 in Osaka (Japan), schloss 2016 ihr Kompositionsstudium an der Tokyo University of the Arts (Geidai) ab. 2019 gewann sie den ersten Preis beim 8. Internationalen Wettbewerb für Liedkomposition in Tokio. Sie war Finalistin für das „Japanese Operatic Work Creation Project“ der Agency for Cultural Affairs der japanischen Regierung (2020). Ihre Oper „THEIR PALE PLACE“ wurde 2023 in Tokio uraufgeführt, und ihr Orchesterwerk „Peacock Spreading Its Feathers“ wurde 2024 vom New Japan Philharmonic uraufgeführt. Seit 2023 studiert sie bei Prof. Moritz Eggert an der Hochschule für Musik und Theater München.

Hanyu Xiao (*1998) studierte Komposition bei Dr. Prof. Claus-Steffen Mahnkopf an der HMT Leipzig, bei Prof. Orm Finnendahl und Hon. Prof. Claus Kühnl an der HfMDK Frankfurt/M. Seit Oktober 2022 studiert sie Komposition bei Prof. Moritz Eggert an der HMTM München im Master und seit 2024 in der Meisterklasse. Beim Günter-Bialas-Kompositionswettbewerb 2019 hat Hanyu Xiao den zweiten Preis erhalten, das Stück "Trio für Flöte, Viola und Harfe" wurde durch das Ensemble Oktopus uraufgeführt und im März 2020 auf BR Klassik gesendet.

Seit dem Wintersemester 2019/20 studiert Fabian Blum (*2000) Komposition in der Klasse von Moritz Eggert an der Hochschule für Musik und Theater München. Blum ist Preisträger mehrerer Wettbewerbe, darunter der Kompositionswerkstatt Opus One der Berliner Philharmoniker und des Carl von Ossietzky Kompositionswettbewerb. Seine Kompositionen wurden beim Festival für Neue Musik Intersonanzen in Potsdam, beim aDevantgarde Festival in München und beim Transparent Sound New Music Festival in Budapest sowie dem Staatstheater Nürnberg und dem Residenztheater München aufgeführt.

Yann Windeshausen (*2002) gehört zur jüngsten Generation der luxemburgischen Komponisten. Seine musikalische Ausbildung begann im Alter von 6 Jahren an der Musikschule seiner Heimatstadt. Verschiedenste Kurse im „Conservatoire  du Nord “ und im „Conservatoire de la ville de Luxembourg“ vervollständigten seine Ausbildung. Nach dem Abitur im Jahr 2022 begann er ein Kompositionsstudium bei Prof. Moritz Eggert an der Hochschule für Musik und Theater München. Seine Werke werden seit 2023 von Luxembourg Music Publishers verlegt. 

Leon Zmelty (*1997) studierte Komposition bei Gordon Kampe, Moritz Eggert und Yair Klartag. Seine Musik zeichnet sich durch eine große Offenheit und verschwimmende Grenzen zwischen verschiedenen Genres aus – von geräuschhaften, experimentellen Klängen, Mikrotonalität bis hin zu klassisch-romantischen Momenten. Mit seiner Komposition „nachts leuchten die schiffe“ gewann er 2021 den Kompositionswettbewerb des Landesmusikrats Hamburg. 2023 erhielt er mit der Produktion „Seidenkoffer“ das Musikstipendium der Stadt München. 

Eva Kuhn (*1994) studierte zunächst bis 2021 Schulmusik und Mathematik für gymnasiales Lehramt in Würzburg. Parallel dazu begann sie 2020 ein Kompositionsstudium bei Prof. Moritz Eggert sowie ein künstlerisch-pädagogisches Gesangsstudium bei Prof. Monika Riedler an der HMTM. Ihre Werke kommen bei verschiedensten Projekten und Festivals (z.B. aDevantgarde-Festival München, Gustav Mahler Wochen Toblach, Festival Zither Hof etc.) zur Aufführung. Zuletzt komponierte sie die Musik für das Musiktheater „Anna & Eve“ an der Neuköllner Oper in Berlin.

Torbjørn Heide Arnesen (*1994) ist ein norwegischer Komponist und Dirigent, Er schloss seinen Master in Komposition an der Hochschule für Musik und Theater München bei Professor Moritz Eggert ab. Seit 2023 ist Arnesen musikalischer Leiter des Accento Orchester München. Sein Werk zeichnet sich durch eine Verschmelzung traditioneller und zeitgenössischer Elemente aus, die die Grenzen musikalischer Genres und Konventionen herausfordern.
 

Musiker:innen: 

Dirigent: Torbjørn Heide Arnesen 

Violine: Marc Kaufmann, Leonardo Vicente Hauxwell
Viola: Denis Valishin
Cello: Clara Geley
Kontrabass: n.n. 

Gitarre: Miloš Pavićević
Akkordeon: Teodor Marinov
Zither: Sarah Luisa Wurmer
Klavier: Minami Nagai, Aozora Deguchi 


Abschluss unserer ersten Konzertsaison:

Gesprächskonzert Larissa Ziegler mit internationaler Gitarrenmusik im Antoniersaal in Memmingen
 

Im Rahmen eines Gesprächskonzerts präsentierte die Gitarristin  Larissa Ziegler am Samstag, den 2. März 2024 um 19.30 Uhr im Antoniersaal in Memmingen   internationale Gitarren-musik des 20. und 21. Jahrhunderts.  

Larissa Ziegler erhielt mit sieben Jahren ihren ersten Gitarrenunterricht an der Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu. Lange Zeit lernte sie dort auf der Konzertgitarre klassische, spanische und südamerikanische Gitarrenliteratur zu spielen. Gegen Ende ihrer Schulzeit 2020 begann die junge Gitarristin ihr Repertoire in Richtung Fingerstyle und Jazz zu erweitern.


 Erfolgreich bewarb sie sich nach dem Abitur für ein Studium in der international anerkannten Weltmusik-Gitarrenklasse in Dresden. Seit 2021 studiert Larissa dort akustische Gitarre bei Professor Thomas Fellow und Professor Stephan Bormann. Ihr Programm entwickelt sich dadurch immer mehr zu einer abwechslungsreichen Mischung aus Musik verschiedener Kontinente und Stile, gespielt auf der Konzert- sowie Westerngitarre.


 Besonders gerne präsentiert sie die Musik der gegenwärtigen Komponisten, die sie durch ihr Studium in Dresden persönlich kennenlernt. Dazu zählen beispielsweise Kompositionen ihrer beiden Professoren und von Absolventen ihres Studiengangs, wie der niederländischen Fingerstyle-Gitarristin Karlijn Langendijk oder dem brasilianischen Gitarrist Juliano Camara.


Unser drittes Konzert fand am 2.2.2024 wieder im 

Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth, Ottobeuren statt:

 
 Olivier Messiaen:

Quatuor pour la fin du temps

Prof. Winfried Rademacher, Violine
Danielle Ben-Kennaz, Klarinette
Leyre Barros, Violoncello
Emre Nurbeyler, Klavier

Olivier Messiaen (1908-1992) hatte sowohl als Komponist als auch als Lehrer u.a. von Pierre Boulez, Iannis Xenakis, Karlheinz Stockhausen u.a. maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Musik des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Studium am Conservatoire in Paris, wo er von Marcel Dupre (Orgel) und Paul Dukas (Komposition) unterrichtet wurde, hatte er von 1931 bis zu seinem Tod im Jahr 1992 die Organistenstelle an St. Trinité in Paris inne. Sein Lehrer Marcel Dupré (1886-1971) war seinerseits Schüler von Alexandre Guillmant (1837-1911) und Charles Marie Widor (1844-1937), die als Begründer einer klassizistischen, bis in die Gegenwart wirkenden französischen Orgeltradition  gelten. Paul Dukas (1865-1935) , der selbst als Komponist nur ein Oevre von ca. 20 Werken hinterließ und als Mittler zwischen der französischen Romantik und der Moderne gilt, pflegte als einflussreicher Musikkritiker persönliche Kontakte zu nahezu sämtlichen bedeutenden Musikern seiner Zeit. Warum sich der aus der klassizistischen und damit letztlich rückwärtsgewandten französischen Orgeltradition kommende Olivier Messiaen zu einem der innovativsten Komponisten seiner Zeit entwickelt hat, mag auch  mit seinem offenen, intellektuell geprägten Elternhaus zusammenhängen, in dem  Musik allerdings nicht vorrangig wichtig war. So war sein Vater Pierre (1883-1957) als Englischprofessor dreißig Jahre lang mit der Übersetzung des Gesamtwerks von Shakespeare befasst und seine Mutter Celine Sauvage (1883-1927) war Dichterin, in deren Werk u.a. die Natur eine wichtige Rolle spielte. Dazu kommt bei Messiaen ein schon in der Kindheit  einsetzendes Interesse an theologischen Fragen. 

Messiaen hat das „Quatuor pour la fin du temps“ („Quartett für das Ende der Zeit“) als deutscher Kriegsgefangener im Winter 1940  im Gefangenenlager in Görlitz komponiert und dort am 15.Januar 1941 mit drei ebenfalls internierten Musikern unter widrigsten äußeren Bedingungen vor vierhundert Lagerinsassen zur Uraufführung gebracht. Dass er hier überhaupt komponieren durfte, ist dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass der Lagerkommandant Franzpeter Goebels, ab 1947 Leiter des Studios für Neue Musik am Konservatorium in Düsseldorf und später Professor für Klavier an der Musikhochschule Detmold, selbst Musiker war.[1] Die Konstellation, dass nämlich ein Lagerkommandant einem verfeindeten Kriegsgefangenen Notenpapier besorgt, um diesem zu ermöglichen,  eines der bedeutendsten Kammermusikwerke seiner Epoche zu Papier zu bringen  veranschaulicht – diese persönliche Anmerkung sei angesichts der aktuellen Umstände gestattet -  die Absurdität eines Krieges in nicht zu überbietender Deutlichkeit.

Der Titel des achtsätzigen Werks basiert- ebenso wie die vom Komponisten stammenden , programmatischen Überschriften zu den einzelnen Teilen  – auf der Offenbarung des Johannes. Messiaen hat dazu später in einem Interview von Halluzinationen in Form von flirrenden Farben und Engeln berichtet, die er auf die im Lager bestehende Nahrungsmittel-knappheit zurückführte, die aus heutiger medizinischer Sicht als Migränesymptome zu deuten sind. Obwohl  religiöse Bezüge   ebenso wie die Einbeziehung von in Musik gesetzte Vogelstimmen für das Gesamtwerk des tief gläubigen Katholiken  prägend sind – Messiaen war leidenschaftlicher Ornithologe, der in den Vögel ein Abbild der Vielfalt und Herrlichkeit der Schöpfung sah und diesen eine Mittlerfunktion zwischen Erde und Himmel zukommen ließ – lassen sich im „Quatuor  pour la fin du temps“ auch direkte Hinweise auf die äußeren Umstände bezüglich der Entstehung des Werks finden. So handelt es sich bei der  Überschrift des dritten Satzes „Abime des oiseaux“ („Abgrund der Vögel“) , einem Klarinettensolo von depressivem Charakter, um ein Zitat aus dem Gedicht von Pierre Reverdy mit dem Titel „Fonds secrets“ („Geheime Gründe“) ,wo von „Tag(en) ohne Bewegung“ , „vergeblich(em) Glück und verblichene(r) Freiheit“ sowie von  „Händen , die in Ketten sind“ die Rede ist., das Messiaen während seiner Lagerhaft vorlag.
Die Achtsätzigkeit des Werks erklärt sich aus der Vorliebe Messiaens für Zahlensymbolik. So gilt die Zahl Sieben aufgrund der an sechs Tagen entstandenen  und durch den siebten Tag als Ruhetag Gottes geheiligten Schöpfung als vollkommen. Die Zahl Acht steht für die Fortsetzung in die Ewigkeit und wird dadurch zur Zahl des „unvergänglichen Lichts“ und des „ungetrübten Friedens“. Bezüglich der Gesamtanlage lassen sich Entsprechungen zwischen den programmatischen Überschriften und der Besetzung der einzelnen Sätze erkennen. So sind die Sätze 2 und 7 „Vocalise pour l´Ange qui annonce la fin du temps“ („Vokalise für den Engel, der das Ende der Zeit ankündigt“) bzw. „Fouillis d`arcs-en-ciel pour l`Ànge qui annonce la fin du temps“ („Regenbogen für den Engel, der das Ende der Zeit ankündigt“) jeweils im Tutti gehalten, die den Abgrund in Form von „Trauer“ bzw.  „Wut“ stimmungsmäßig unterschiedlich thematisierenden Sätze 3 und 6 „ Abime des oiseaux“ („Abgrund der Vögel“) und „Danse de la fureur, pour les sept trompettes“ („Tanz des Zorns, für die sieben Trompeten“) sind einstimmig (Satz 3 durch ein Klarinettensolo und Satz 6 im Unisono) besetzt, die Sätze 5 und 8 „Louange  a`l eternité de Jesus“ („Lobpreis auf die Ewigkeit Jesu“) und 8 „Louange a l`immortalité de Jesus“ („Lobpreis auf die Unsterblichkeit Jesu“) sind jeweils im Duo (Satz 5 Violoncello/Klavier und Satz 6 Violine/Klavier) gehalten. 

Kompositorisch verwendet  Messiaen im „Quatuor por la fin du temps“  Techniken , die er in seinem 1944 erschienenen, theoretischen Werk „Technique de mon langage musical“ („Technik meiner musikalischen Sprache)“ näher erläutert. So verwendet er im ersten Satz „Liturgie de cristal“ („Kristallene Liturgie“) im Klavier und im Violoncello – jeweils verschieden im Klavier eine Abfolge von drei indischen und im Violoncello einen „nicht umkehrbaren“ , d.h. von hinten und vorn gelesen identischen Rhythmus – über die er jeweils  Tonfolgen von abweichender Länge legt. Sowohl die rhythmische als auch der melodische Abfolge wird  mehrfach wiederholt, wodurch die Tonfolgen infolge der Asynchronität zum zeitlichen Ablauf jeweils unterschiedlich rhythmisiert werden. Über diesem streng seriell konstruierten Grundablauf gestaltet die Klarinette, von der Violine begleitet,  freie,  „vogelstimmengleich“ gehaltene Melodielinien. Im ersten Teil des sechsten, ganz im unisono gehaltenen (d.h. alle Stimmen im Einklang spielenden)  Satzes „Danse de la fureur, pour les sept trompettes“  („Tanz des Zorns für die sieben Trompeten“)  kommt die Technik der „valeur ajoutée“ („Technik des hinzugefügten Werts“) zur Anwendung. Dabei entsteht  durch Hinzufügung einer einzelnen Sechzehntelnote an jeweils charakteristischer Stelle  aus einem einfachen, aus Vierteln und Achteln bestehenden Basisablauf ein rhythmisch komplexes, bisweilen bizarr anmutendes Gebilde. Im ruhiger gehaltenen Mittelteil dieses Satzes werden einer modifizierten Zwölftonreihe taktweise  jeweils unterschiedliche, nicht umkehrbare Rhythmen unterlegt.   

Bei Satz  4 „Intermede“ („Zwischenspiel“) handelt es sich um  eine eigenständige,  separat entstandene  und bereits zuvor von drei Mitgefangenen aufgeführte Komposition. In den Sätzen 5 und 8 „Louange a l` eternité de Jesus“ (Lobpreis der Ewigkeit Jesu“) und Louange de l`immortalité de Jesus“ („Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu“) greift Messiaen aus dem Gedächtnis auf seine früheren Kompositionen „Fete des belles eaux“ für sechs Ondes Martenot, ein elektronisches Instrument, das sich nicht durchsetzte,  (entstanden für die Weltausstellung in Paris 1937) sowie auf  das 1930 entstandene „Diptyque“ für Orgel zurück.

Der 8. und damit letzte Satz des Werks „Louange a´l immortalité de Jesus“ („Lobpreis auf die Ewigkeit Jesu“)  steht in E- Dur und  ist durchgehend im 4/4- Takt gehalten. Über einem den gesamten Satz bestimmenden Rhythmus  aus doppelt punktierten Achteln mit Zweiunddreißigsteln im Klavier entfaltet die Violine einen aus  freien,  auf unbetonten Zählzeiten beginnenden  Melismen bestehenden Lobgesang  mit Triolen , Überbindungen und Synkopen. In den letzten sieben Takten nimmt die Violine den Pulsschlag des Klaviers auf und hebt ihn durch Transposition bis in die höchsten Lagen nach oben.
Georg Piel, 28.01.2024

[1] Einer anderen Darstellung zufolge soll der Rechtsanwalt Karl Albert Brüll, der Messiaen später auch mit gefälschten Ausweispapieren zur Flucht verholfen haben soll und der im Lager als Dolmetscher tätig war, ihm das Notenpapier besorgt haben. 


Das zweite Konzert:

Konzert Blockflöte Solo

Julia Ziegler


18. November 2023 17 Uhr
Evangelische Kirche Buxach

 Programm:

 

Jacob van Eyck (1590-1657) 

 

Comagain                                   

Thema und Variationen über das Lied 

„Come again“ von John Dowland

 

 

Claude Debussy (1862-1918)

 

Syrinx

 


Johann Sebastian Bach (1685-1650)

 

Partita in a- moll für Flöte solo BWV 1013 

Allemande – Corrente – Sarabande – Bourrée Anglaise 

 

 

Moritz Eggert (geb. 1964) 

 

Außer Atem

 


 Georg Phillip Telemann (1681-1767)
 
 Fantasie No. 2 in a- moll 

Grave - Vivace - Adagio - Allegro

 

 

Alastair Penman (geb. 1988) 

 

Mirrored lines 

 

 

Anonymus (14. Jahrhundert)

 

 Istampitta „In pro“ 
Begleitet von Jeremy Proz, Percussion 
 

 

James Oswald (1711-1769)

 

The Reel of Tulloch 

Begleitet von Jeremy Proz, Percussion 

Julia Ziegler entdeckte bereits im Alter von sieben Jahren ihre Faszination und Leidenschaft für die Blockflöte. Parallel zu ihrer Schullaufbahn erhielt sie bereits früh Unterricht bei der Blockflötistin und Dozentin Julia Fritz am Vorarlberger Landeskonservatorium (VLK). Mit 17 Jahren wurde Julia Ziegler dort als Jungstudentin in die Begabungsförderung künstlerisches Basisstudium aufgenommen.
 Im Juli 2019 absolvierte sie ihr Abitur als Jahrgangsbeste des sozialwissenschaftlichen Gymnasiums in Leutkirch. Ab Herbst 2019 studierte sie Blockflöte im künstlerischen Diplomstudiengang am VLK und zusätzlich dazu Querflöte als zweites Instrument.
 Seit Herbst 2021 setzt Julia Ziegler ihr Studium der Instrumental- und Gesangspädagogik nun an der Universität Mozarteum in Salzburg fort. Parallel dazu absolviert sie derzeit ein Konzertfachstudium in der Klasse von Univ. Prof. Dorothee Oberlinger und Matthijs Lunenburg.
 
 Sowohl als Solistin als auch im Ensemble ist Julia Ziegler mehrfache erste Landespreisträgerin und Bundespreisträgerin des Wettbewerbs Jugend Musiziert. Im Rahmen dieses Wettbewerbs wurde sie 2018 als Stipendiatin des Förderpreises der Sparkassen in Baden-Württemberg für hervorragende Leistungen in der Kategorie Blockflöte Solo ausgezeichnet. Weitere erhaltene Auszeichnungen sind der vom Rotary- Club ausgeschriebenen JugendMusikFörderpreis Allgäu 2020 und ein 1. Preis in den vom Vorarlberger Landeskonservatorium ausgeschriebenen Wettbewerben: „Solistenwettbewerb“ und „Audition Festkonzert“.                                                    
Wichtige musikalische Impulse erhielt Julia Ziegler im Rahmen von Kammermusikkursen und Meisterkursen bei namenhaften Dozenten, wie Erik Boosgraf, Agnes Dorwarth, Han Tol, Maurice Steger, Kees Boeke, Pedro Memelsdorff, Susanne Fröhlich oder Karel van Steenhoven. 
Auch langjährige Chorerfahrung, Klavierunterricht, regelmäßige Konzerttätigkeit und Engagements für musikalische Gestaltungen von Feierlichkeiten sowie das Mitwirken bei internationalen Projekten und Orchesterproduktionen, trugen zur positiven Entwicklung ihrer musikalischen Laufbahn bei.
Zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Blockflötistin und Solistin, widmet sich Julia Ziegler im Rahmen ihrer umfassenden Unterrichtstätigkeit im Land Salzburg auch zunehmend Ihrer Leidenschaft als Musikpädagogin. 

 

(Foto by Natalia Luzenko)


Klavierabend

Brigitte Helbig

Werke von Arnold Schönberg, Claude Debussy und Georg Piel
Freitag 20.Januar 2023 19:30 Uhr 
Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth, Ottobeuren

Lebenslauf Brigitte Helbig

Brigitte Helbig, Klavier, geboren 1991 in München, begann mit vier Jahren mit dem Klavierspiel. Neben zahlreichen Preisen bei Jugend Musiziert, erhielt sie 2010 den Kulturförderpreis der Stadt Landsberg am Lech. Von 2011 - 2018 studierte sie an der Musikhochschule München bei Sylvia Hewig-Tröscher und Markus Bellheim. Sie wurde von 2014 - 2018 durch das Deutschlandstipendium gefördert. Außerdem erweiterte sie ihre Studien mit Auslandsaufenthalten in Paris an der CNSMDP bei Florent Boffard und bei Johannes Marian an der MDW in Wien. Kurse bei Peter Feuchtwanger, Michael Wessel, Franz Massinger, Pavel Gililov, Ian Pace, Majella Stockhausen, Amit Dolberg und Nicolas Hodges gaben weitere wichtige Impulse. Sie arbeitete mit Komponisten wie Thomas Larcher, Michael Jarrell, Steve Reich und Mark Andre zusammen. Mit Ensemble Platypus, Ensemble Wiener Collage, Ensemble BlauerReiter und Risonanze Erranti/Peter Tilling spielte sie Konzerte in Deutschland und Österreich, sowie bei Festivals wie musica viva (München) und CROSSROADS (Salzburg). Außerdem ist sie Gründungsmitglied im ensemble hartmann21. Für die Portrait-CD „Nexus“ von Henrik Ajax spielte sie 2016 das gleichnamige Klavierstück ein. 2018 nahm sie eine erste Solo-CD mit Klavierwerken von Hans Winterberg auf, die bei Toccata Classics erschienen ist. Auch die zweite Winterberg-CD ist bereits im Herbst 2021 beim gleichen Label erschienen. Neben der Beschäftigung mit dem traditionellen Klavierrepertoire setzt sich Brigitte Helbig auch mit bedeutenden Werken für Klavier und Kammermusik aus dem 20./21. Jahrhundert wie Boulez, Stockhausen, Furrer, Dusapin, Saunders, Andre, Mundry und Stroppa auseinander, pflegt einen regen Austausch mit Komponist:innen ihrer Generation und brachte deren Werke zur (Ur-)Aufführung. 2019 erhält Helbig das Musikstipendium der Landeshauptstadt München. Damit initiiert sie eine eigene Solokonzertreihe in München „Starke Frauen – Starke Stücke“ mit Klaviermusik von Komponistinnen und vergibt einen Kompositionsauftrag an Birke Bertelsmeier. Im selben Jahr wird sie durch den Förderpreis der IBK (Internationale Bodensee Konferenz) für Interpretation zeitgenössischer Musik ausgezeichnet. Zudem ist Brigitte Helbig als Klavierlehrerin privat und an der Städtischen Sing- und Musikschule München tätig, seit 2019 Vorstandsmitglied der Münchner Gesellschaft für Neue Musik e. V. (MGNM) sowie seit 2021 Vorstandsmitglied der IG ZMM (Interessensgemeinschaft Zeitgenössische Musik München) und der Tonkünstler München e.V. (TKV)